Leseprobe-Blog

I. Vorgeplänkel

Gegenwart (Frankreich, Malemort du Comtat)

Campingplatz Font Neuve, 28. Juni 2019:

Nun hocken wir also hier, auf einem Campingplatz de Luxe mitten in der Provence. Das Durchschnittsalter der Gäste liegt bei zirka 75 Jahren, und es wimmelt nur so vor frohgelaunten Holländern. Die Niederlande hat diesen Campingplatz wohl schon vor vielen Jahren eingenommen, denn die Preis- und Anzeigetafeln sind auf Französisch und Holländisch geschrieben. Lange waren wir nicht mehr von so vielen Menschen älteren Kalibers umgeben, endlich sind wir mal wieder die jungen Küken. Inmitten dieser Schar Flachland-Senioren lümmeln wir, also Uli und ich, wohlig in den Plastikliegen am beheizten Swimmingpool.
Uli: das ist mein Mann.
Grrrh, ich hasse diesen Ausdruck ‘mein Mann’. Gatte, Gemahl, Gefährte, Ehe- oder Lebenspartner – hört sich doch alles steif und unpersönlich und scheiße an. Dabei ist er doch der mir nahestehendste Mensch überhaupt – wo ist das passende Wort in unserer eigentlich so vielschichtigen Sprache? ‘Supermann’ würde ich vorschlagen – das wäre zumindest in meinem Fall sehr passend, ‘mein Supermann‘. Find ich gut. Jedenfalls machen mein Supermann und ich gerade das erste Mal richtig Urlaub seit acht Jahren, fast ohne dass wir etwas planen, organisieren oder E-Mails beantworten müssen. Wir können es noch gar nicht begreifen, dass wir zurzeit und für die nächsten Monate frei sind von Verpflichtungen. Dieses Gefühl von Leichtigkeit hatten wir seit vielen Jahren nicht mehr – das letzte Mal vielleicht während unserer Weltreise. Gut, nebenbei planen wir unser Häuschen fürs nächste Jahr, und ich möchte ja dieses Buch schreiben, solange wir noch arbeitslos durch die Welt tingeln. Außerdem planen wir, übernächstes Jahr wieder eine neue Bleibe für Kletterer zu eröffnen. Aber ansonsten haben wir uns um nichts zu kümmern! Getrübt wird dieses Hochgefühl nur ein wenig, da ich grade mal wieder meine fast alljährliche Bronchitis habe und dazu heute der heißeste Tag ist, den ich in meinen 45 Jahren je erlebt habe: 44 Grad. Es ist fürchterlich warm. Das Hirn schmilzt dahin und man versucht jede Bewegung zu vermeiden. Selbst in Laos wurden diese Temperaturen nicht übertroffen. Aber da ich krankheitsbedingt so schlapp auf den Füßen bin, komme ich sowieso nur im Schneckentempo voran, es ändert also nichts.
Weshalb wir nun in dieser Situation stecken erzähle ich euch: Vor genau 4 Wochen haben wir unser Klettercamp “Green Climbers Home”, das wir in Laos aufgebaut hatten, verkauft und an unsere Nachfolger übergeben. Wir haben also zunächst einmal keine Arbeit, kein Zuhause, keine Kinder, einigermaßen gesunde Eltern, die allein klarkommen, Zeit ohne Ende und so viele Rücklagen, dass wir die nächsten Monate ohne Geld zu verdienen über die Runden kommen. Dementsprechend grinsen wir hier beide vor Glück ziemlich dämlich vor uns hin, schwelgen in Gedanken zurück in die letzten 8 Jahren und klopfen uns gegenseitig auf die Schulter, dass letztendlich alles so geklappt hat, wie wir es uns erträumt hatten.
Doch der Weg vom Auswandern und Zurückwandern bis hierher war verdammt steinig, manches Mal eher alptraumartig. Uli und ich haben während dieser Zeit so einige Federn gelassen und den ein oder anderen Knacks mitgenommen – seelisch wie körperlich. Dies ist eigentlich nichts Besonderes – unterhält man sich mit Selbständigen oder Lehrern oder anderen Angestellten in verantwortungsvollen Positionen, so hört man fast überall die gleiche Litanei: Jammerei übers unzuverlässige Personal, die ach so ungerechte Bürokratie, die unverschämten Kunden, Gäste, Schüler und Kollegen. Kurz-vor-Burnout hier, Depressionen da. Kommt uns allen bekannt vor, ist also nichts Neues. Warum schreibe ich dann eigentlich dieses Buch?
Nun, wir wurden immer wieder durchlöchert mit Fragen über Fragen – von Gästen, Freunden, Verwandten, die mit großen Augen unsere Geschichte verfolgten. Sogar Fernsehen, Radio und Magazine fragten wiederholt nach einem Interview. Es scheint also einige Menschen zu interessieren, wie und warum zwei Langnasen sich mit einem Klettercamp in Laos niederließen.
Ich brauchte lange, mich überzeugen zu lassen, ein Buch zu schreiben, denn für so wichtig nehme ich mich und uns nicht, um jedermann unsere Erfahrungen aufs Auge drücken zu wollen. Es war vor allem Manfred, Ulis Vater, der mich immer aufs Neue bestärkt hat, unsere kleinen Episoden und Erlebnisse zu Papier bzw. Laptop zu bringen, der mir versicherte, meine Berichte aus Laos seien unglaublich spannend. Und das nicht nur aus schwiegerväterlicher Verbundenheit. Als auch Uli und einige Freunde anfingen, auf mich einzureden, konnte ich mir langsam vorstellen, dass es wirklich schön wäre, all das Erlebte festzuhalten. Also fing ich an zu schreiben… Und nun ist das Buch da…voilá: